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Dirk Lorenzen
Astrophysiker, Autor der Sternzeit 
Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Weltraumfans,

rund zehn Millionen Krater mit mehr als 200 Metern Durchmesser gibt es auf dem Mond – seit dem Frühjahr 2024 ist es einer mehr. Eine NASA-Sonde hat den Einschlag eines gut 20 Meter großen Asteroiden zwar nicht live verfolgt, aber sie hat den neuen Krater, den er hinterlassen hat, aus der Mondumlaufbahn erfasst. Für die Mondforschung ist dies ein „Jahrhundertereignis“ – nie zuvor hat man einen neuen Krater dieser Größe aufgespürt. Der kosmische Treffer zeigt, wie sehr Mond und Erde unter Beschuss sind. Für Astronautinnen und Astronauten auf dem Mond gilt, genau wie für Menschen auf der Erde: Es kann einem jederzeit der Himmel auf den Kopf fallen!
Rumms! Der neue Krater McGetchin auf dem Mond: Das frisch herausgeschleuderte Material erscheint viel heller als die staubige Landschaft in der Umgebung. (LRO/NASA)
Den NASA-Wissenschaftler Robert Wagner riss es im vergangenen Herbst bei vermeintlich langweiligen Routine-Arbeiten regelrecht vom Hocker. Er verglich Bilder des Lunar Reconnaissance Orbiter (LRO), die im Abstand einiger Monate oder Jahre aufgenommen worden waren. Plötzlich stach ihm eine große neue Struktur ins Auge – etwas, „was wir nie zuvor gesehen haben“, wie er sich erinnert. Zwischen dem 11. April und 22. Mai 2024 ist dort ein neuer Krater entstanden: 222 Meter groß, 43 Meter tief. Dort muss ein Objekt eingeschlagen sein, das etwa 20 Meter Durchmesser hatte. So einen Treffer bekommt der Mond nach gängigen Modellen bestenfalls einmal in hundert Jahren ab.
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Der Treffer aus dem Nichts
Die LRO-Sonde zieht seit 17 Jahren um den Mond und hat schon mehr als tausend neue Krater erfasst – aber sie alle waren viel kleiner, oft nur etwa zehn bis fünfzehn Meter groß. Nach der Entdeckung des neuen Kraters hat das NASA-Team dieses Gebiet mit der hochauflösenden Kamera untersucht. So sind noch Details mit etwa einem Meter Ausdehnung zu erkennen. Wie sich zeigt, ist in 400 Metern Umkreis um den Krater die gesamte Oberfläche von herausgeschleudertem Material bedeckt. Manche Trümmer sind mehr als hundert Kilometer (!) weit geflogen und haben dort die Oberfläche verändert. Für das LRO-Team ist dieser Krater wie ein Lottogewinn: Dort lassen sich die Theorien zur Kraterbildung bestens überprüfen.
Ehrung für den Krater-Pionier
Auf Vorschlag der Fachleute hat die Internationale Astronomische Union den neuen Krater inzwischen McGetchin benannt.  Thomas McGetchin (1936-1979) war einer der führenden Mondwissenschaftler während der Apollo-Flüge. Er hat intensiv an der Theorie von Meteoriteneinschlägen gearbeitet. Er erforschte, wie Krater entstehen und hat viele junge Leute für dieses Gebiet begeistert. Einige Jahre lang war McGetchin Direktor des damaligen Lunar Science Institute in Houston. Er machte aus ihm das heute legendäre Lunar and Planetary Institute – denn er hatte erkannt, dass die Erforschung von Mond und Planeten Hand in Hand geht. Im Alter von nur 43 Jahren erlag Thomas McGetchin einer Krebserkrankung. Er gäbe wohl kaum einen würdigeren Namenspatron für diesen Krater.
Vorher – nachher: Links ist die Mondlandschaft vor April 2024 zu sehen. Rechts dominiert der 222 Meter große Krater McGetchin. Bei dessen Entstehung wurden weite Gebiete in der Umgebung stark verändert. (LRO/NASA) 
Schon der Blick durch ein Amateurteleskop zeigt eine Unmenge an Kratern auf dem Mond. Die meisten sind vor einigen Milliarden Jahren entstanden, als in der Frühphase des Sonnensystem viele große Brocken durch das All drifteten und mit Erde und Mond kollidierten. Die größten Asteroiden rissen riesige Löcher in die Mondkruste, durch die flüssiges Material hervorquoll und die „Mondmeere“ bildete – die großen dunklen Flecken, die das Mondgesicht malen.
Auch die Erde war - und ist - unter Beschuss 
Auf der Erde sind fast alle Spuren der kosmischen Einschläge verwischt – Wind, Regen, Plattentektonik etc. sorgen für Erosion und ebnen die „Narben“ wieder ein (nur etwa 200 Krater sind erhalten – berühmt ist der Meteor Crater in Arizona). Auf dem Mond gibt es das nicht: Ein Krater auf dem Mond bleibt so lange, bis ein weiterer Einschlag ihn überdeckt. Die Mondoberfläche ist eine Art Dauerbelichtung über vier Milliarden Jahre: Die von Kratern übersäte Landschaft erzählt viel über die Geschichte von Mond und Erde.

Der McGetchin-Krater zeigt, dass der himmlische Beschuss keineswegs vorbei ist. Etwa alle zehn Minuten schlägt ein hühnereigroßer Brocken auf dem Mond ein und sorgt für einen kurzen Lichtblitz. Das beobachten regelmäßig Amateurastronominnen und -astronomen von der Erde aus – und auch das Team der Artemis-2-Mission hat bei der Umrundung des Mondes im April einige dieser Blitze bemerkt. Auf der Erde kämen diese Objekte nicht bis auf die Oberfläche, weil sie in der Erdatmosphäre verglühen. Unsere Lufthülle sorgt dafür, dass die meisten Brocken als Sternschnuppen eine helle Bahn ziehen. Aber auch auf der Erde erreicht etwa einmal pro Stunde ein Meteorit die Oberfläche – fast immer stürzen diese Trümmer ins Meer oder unbewohnte Gebiete.
So ein Einschlag bei uns hätte schlimme Folgen
Wenn allerdings ein Objekt von der Größe des McGetchin-Asteroiden unsere Erde trifft, macht unsere Atmosphäre alles viel schlimmer: Dann sorgt eine gewaltige Druckwelle womöglich für völlige Vernichtung im Umkreis vieler Kilometer. Was genau passiert, hängt u.a. vom Einschlagwinkel und der Zusammensetzung des Meteoriten ab. Schon ein 1-Kilometer-Brocken könnte einen ganzen Kontinent verwüsten. Solche Objekte sind zum Glück sehr selten. Allerdings zeigt das Nördlinger Ries in der Schwäbischen Alb, dass schwere Treffer durchaus vorkommen. Dieser 22-Kilometer-Krater entstand vor 15 Millionen Jahren. Ewig her? Von wegen! Stellen wir uns die Erde als 50jährigen Menschen vor, dann war der Einschlag vor zwei Monaten. Au weia. So etwas kann jederzeit wieder passieren. Allerdings bemühen sich die Fachleute, alle Objekte dieser Größe im Sonnensystem zu erfassen und einen möglichen Einschlag lange vorher zu erkennen – um dann das todbringende Geschoss abzulenken.
Lunarer Dauerbrenner: Seit 2009 zieht der Lunar Reconnaissance Orbiter um den Mond (Illustration). Diese Sonde ist das Arbeitspferd der Mondforschung und eine der produktivsten Raumfahrt-Missionen überhaupt. Well done, NASA! (NASA/GSFC)
Erstaunlicherweise war das McGetchin-Objekt nicht bekannt. Ein ähnlich großer Brocken – entdeckt erst vor einer Woche – rast am kommenden Freitag (25. September) gegen 15.46 Uhr MESZ in 1,7-facher Mondentfernung an der Erde vorbei. Der Sicherheitsabstand ist groß genug. Der lunare Einschlag, der zum neuen Krater führte, zeigt aber, dass viele dieser kleinen Brocken nicht erfasst sind – und jederzeit „aus dem Nichts“ auftauchen können. Panik ist dennoch nicht angebracht – allzu oft passiert so etwas nicht, sonst gäbe es uns gar nicht. 
Gefahr für Menschen auf dem Mond
Manche machen sich Sorgen, dass eine Mondstation dauerhaftem Bombardement ausgesetzt und daher der Aufenthalt auf dem Mond lebensgefährlich sei. Zwar krachen – wie oben dargelegt – ständig kosmische Brocken in die staubige Landschaft. Aber die Oberfläche des Mondes ist etwa viermal so groß wie diejenige Europas. Die Wahrscheinlichkeit, getroffen zu werden, ist äußerst gering. Dennoch ist der Mond eine extrem gefährliche Umgebung, was aber nur zum geringsten Teil an den Meteoriten liegt: Der Mond hat kein Magnetfeld und so prasselt die kosmische Strahlung ständig herab – ein Strom energiereicher Teilchen, der aus der Sonne und aus den Tiefen der Milchstraße kommt. Diese Strahlung ist nicht zu sehen und zu spüren, richtet aber verheerende Schäden an: Sie kann das Erbgut verändern, Zellen zerstören und im schlimmsten Fall binnen Tagen einen Menschen töten. Bei den Apollo-Missionen hatte man schlicht Glück, dass nicht gerade gewaltige Sonnenstürme durch das Planetensystem fegten.

Um sich vor der Strahlung zu schützen, könnten die ersten Mondstationen in Höhlen entstehen – an etlichen Stellen bieten große Hohlräume in alten Lavaströmen unter der Oberfläche Schutz. Dort wäre man dann auch sicher vor den kleineren Meteoriteneinschlägen. Wo das nicht geht, muss man eine meterdicke Schicht aus Mondgeröll auf die Behausungen schütten.
So wird’s eher nicht gehen: In dieser fantasievollen Illustration einer Mondstation sind die Menschen den Gefahren der kosmischen Strahlung ausgesetzt. Gegen den extrem unwahrscheinlichen Treffer eines „McGetchin-Asteroiden“, der einen über 40 Meter tiefen Krater reißt, gibt es keinen Schutz. (NASA)
Die Fachleute träumen davon, einmal einen großen Aufschlag auf dem Mond live verfolgen zu können. Lange Zeit galt ein mehr als 800 Jahre alter Bericht aus dem englischen Canterbury als so eine Beobachtung: „Plötzlich teilte sich das obere Horn der Mondsichel, Funken sprühten von der Sichel in den Himmel und der Mond zuckte wie eine verwundete Schlange,“ berichtet ein Chronist über eine Begebenheit, die 1178 fünf Mönche beobachtet haben. Ist damals ein neuer Krater auf dem Mond entstanden?
Die Funken von Canterbury
In der Tat haben Raumsonden einen recht jungen Krater aufgetan, der knapp hinter dem rechten, oberen Rand der Mondscheibe liegt – die Position passt. Jung ist allerdings relativ, denn der gut zwanzig Kilometer große Krater Giordano Bruno muss etwa eine Million Jahre alt sein. Die Flächen mit Auswurfmaterial in seiner Umgebung sind selbst voller kleinerer Krater – so viele Einschläge in so kurzer Zeit kann es dort nicht gegeben haben. Zudem hätte es nach so einem Treffer einen wochenlangen Sternschnuppenregen geben müssen. Doch derlei ist nicht überliefert. Wahrscheinlich haben die Mönche beobachtet, wie ein Meteoroid in die Erdatmosphäre eingetreten und dabei explodiert ist. Der Brocken aus dem All ist offenbar genau so auf Canterbury zugeflogen, dass sich das Schauspiel vor dem Mond abgespielt hat. Der vermeintliche Einschlag lag allein an der Perspektive. Zu schade!
Meine Sofi-Einladung für 2135/2142!
Ein allerletzter Nachtrag zur wunderbaren Sonnenfinsternis im August. Im Newsletter Nr. 33 von Ende Juli hatte ich auf die beiden totalen Sonnenfinsternisse hingewiesen, die binnen sieben Jahren in Deutschland zu sehen sein werden – 2135 und 2142. Die Zentrallinien beider Finsternisse kreuzen sich in der Lüneburger Heide – und ich fragte, ob zufällig jemand aus dem Newsletter-Publikum dort wohnt. Tatsächlich habe ich meine erhoffte Einladung bekommen: Die Schwiegereltern einer Dlf-Kollegin leben in Becklingen bei Wardböhmen – die Welt ist klein... Dort ist man bei beiden Finsternissen optimal positioniert. Jetzt nur noch Geduld haben und durchhalten!

Mit himmlischen Grüßen
Dirk Lorenzen berichtet seit mehr als 30 Jahren über Astronomie und Raumfahrt. Mit seinem Teleskop blickt er begeistert auf die Kraterlandschaft des Mondes. Auch ohne neuen Krater ist der Mond immer wieder faszinierend – ein Geschenk des Himmels. 
Look up!
Der Beobachtungstipp
In den kommenden Nächten strahlt der fast volle Mond am Himmel. Der neue Krater McGetchin befindet sich nahe dem rechten Rand der Mondscheibe (hier mit rotem Punkt markiert). Mit bloßem Auge oder in einem Fernglas ist er nicht zu erkennen. Tatsächlich haben gut ausgestattete Amateure den weißen Punkt des Kraters aber bereits fotografiert. Nach Sonntag liegt McGetchin für zwei Wochen im Dunklen. Diese Aufnahme ist mit einem Smartphone am Okular eines Dobson-Teleskops mit 25 Zentimetern Öffnung entstanden. (Lorenzen)
Galaktische Hörtipps
Eines der beherrschenden Themen in diesem Sommer waren die Waldbrände überall in Europa. Die kritische Größe beim Kampf gegen die Megafeuer ist die Zeit. Bald soll eine Armada von Brandmelde-Satelliten die ganze Welt überwachen, hoch aufgelöst und in Echtzeit. Dabei taugen die neuen Feueraugen nicht nur für den Einsatz gegen Megafeuer.

Weniger friedlichen Zwecken dürften wohl die Waffen dienen, die von den USA im Weltraum stationiert wurden. Sicherheitsexperte Ulrich Kühn sieht darin einen weiteren Schritt der Militarisierung. Er warnt vor eskalierenden Konflikten, gefährlichem Weltraumschrott und schwachen internationalen Regeln.

Und schließlich blickt das Kalenderblatt auf die gute, alte Zukunft von früher. Im September 1966 wurde die SciFi-Serie „Star Trek“ erstmals im US-Fernsehen ausgestrahlt. Die Geschichten um Captain Kirk und das Raumschiff Enterprise brachen Tabus und betrachteten das Zeitgeschehen kritisch. Viel Spaß beim Hören. Und vor allem: Live long and prosper!

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­In 100 Sekunden erzählt die „Sternzeit“ eine Geschichte aus den Weiten des Weltraums – und das seit dem 1. Oktober 1993 jeden Tag. Hier können Sie die Hörstücke kostenlos abonnieren.
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